+++ Erlebnisbericht – dem Vergessen vorbeugend +++

ddbnews R.

Schilderungen aus der Kriegs –  und Nachkriegszeit werden immer seltener, wer soll sie auch erzählen. Bald ist all das Geschehene aus den Gedächtnissen der Nachfolgegenerationen erloschen. Hier nun ein ergreifender und authentischer Erlebnisbericht , den jeder lesen sollte um dem Vergessen entgegenzuwirken.

aus einer Mail, die an uns an die Redaktion geschickt wurde:

Stationen  Deutscher Familien:

Zu einer Zeit, als man noch von einem Ende unseres eigentlich großen Deutschlands bis zum anderen Ende fahren konnte ohne auf Grenzen zu stoßen, zogen meine Eltern – Vater geb. 1913 im Saarland – und Mutter – geb. 1920 in einem Dorf in Westfalen nach Weimar in Thüringen.

Als Funker bei der Wehrmacht wurde mein Vater Anfang des Krieges nach Polen ge- schickt. Wo er mit grausigen Zuständen konfrontiert wurde, Deutsche Familien, die in den ehemals deutschen Gebieten wohnten, die nun von den Polen beansprucht wurden, waren mit der Zunge an den Tisch genagelt worden. Er weinte noch 50 Jahre später darüber. Von Gräueltaten der Deutschen hatte er nie etwas gehört. Wer eine Frau vergewaltigt hätte, wäre sofort erschossen worden. Als Soldat kam er bis nach Stalingrad. Fast alle seiner Kameraden starben dort.

Der 27 jährige Bruder meiner Mutter wurde im Krieg erschossen und wie viele irgendwo verscharrt, seine Verlobte wartete, heiraten konnten sie wegen Armut nie. In Weimar wurden mein Bruder (1945) und ich (1951) geboren. Da es keine Medikamente gegen Rachitis gab, flohen wir 1953 nach Westdeutschland. Das ging damals gerade noch mit einer Rundfahrt durch Berlin, mitnehmen konnte man allerdings nichts, sonst wäre die geplante Flucht aufgefallen. Wir flogen mit einem Frachtflugzeug notdürftig sitzend gen Westen, auch daran erinnere ich mich, obwohl nur zweijährig. Unterwegs gab es eine Papiertüte, falls es einem schlecht wurde und das passierte jedem.

Erst mal kamen wir in ein mit Flüchtlingen überfülltes Auffanglager – Wentdorf bei Hamburg. Von da aus wurden wir nach Köln geschickt. Bekamen eine 2 Zimmer Wohnung, 4 Eisenbetten, 4 Pferdedecken, 1 Holzkochofen, 1 Tisch 4 Stühle, keine Heizung, Warmwassergasboiler im Bad. 1 Zimmer wurde erst noch von einem Flüchtlingspärchen bewohnt. 6 Leute auf 50 m². Jede Familie bekam einmalig 400 DM, Sozialhilfe oder Kindergeld kannte man nicht.

Dann mußte man sehen, wie man überleben sollte. Oft schliefen fremde Flüchtlinge im Hausflur, manchmal wurden sie auch rein gelassen. Die Leute in der Straße und auch in unserem Haus kamen aus allen verschiedenen Ecken Deutschlands. Die einen blickten auf die anderen herab – hatten sie doch angeblich eine Brauerei in Dresden gehabt.

Es war überhaupt kein Zusammenhalt unter den Erwachsenen alle waren entwurzelt, die einzige Gemeinsamkeit, die sie hatten, war die Flucht. Heimatlos und gestrandet. Meine Mutter schimpfte immer, daß es ihr in Köln nicht gefiele und ich durfte nie den Kölner Dialekt sprechen.

Unzufriedenheit und Streit saßen mit am Tisch. Auf den Höfen sangen arme alte Soldaten für ein paar Groschen. Oft kamen auch Bauchladenverkäufer, die Nähgarn und Schnürsenkel verkauften. Das Obst verkaufte ein alter dünner kleiner Mann mit einem großen schweren Karren, den er selber ziehen mußte. Als er 250 DM zusammengespart hatte, prahlte er in der Kneipe, daß er seine Tochter besuchen wolle. Danach wurde er erschlagen aufgefunden und das Geld fehlte.

Ein schöner Tag war, wenn ein Pferdekarren kam – der Lumpensammler, fleißig wurden dann die Zeitungen gesammelt, die Kinder durften sich dafür etwas aussuchen, ein winziges Plastikpüppchen oder andere Spielsachen die begehrlich waren. Die Erwachsenen nahmen aber lieber 2 Groschen. Der Straßenfeger saß oft irgendwo im Hausflur, durch die löchrigen Socken lugten seine knallroten erfrorenen Füße. Er sammelte alle winzigen Kippen auf der Straße und rauchte sie auf.

Die Kölner waren gar nicht erfreut über die vielen kinderreichen Familien und beschimpften uns als Immis oder Pimocken. Dort waren alle katholisch, die Schule wurde geteilt, die Flüchtlinge waren evangelisch, ein Zaun ging mitten durch den Pausenhof. Die katholischen Kinder warfen schon damals Butterbrote in den Papierkorb, das war völlig unfassbar für uns ewig hungrige Kinder.

Unsere Straße in Köln war voll mit Kindern aus den östlichsten Ländern mit den verschiedensten Dialekten. Das hat mir sehr gefallen, unter uns galt noch das Faustrecht, deshalb legte sich auch keiner mit mir an. Alles war noch voll von Ruinen in denen wir spielten, ein Kamerad fiel durch die Kellerdecke und brach sich das Genick.

Auf dem Weg zur Schule musste ich jeden Morgen an einem Balkon vorbei, wo immer der gleiche Mann saß, statt Händen hatte er an jedem Arm einen Eisenhaken. Voller Angst rannte ich jeden Morgen schnell vorbei. In unserer Klasse waren wir 45 Kinder, aber keine wagte sich viel zu mucken. Da alle in unserer Straße arm waren, fiel es nicht auf, dass man immer geschenkte verschlissene Kleider anhatte. Meine Mutter ribbelte die Pullover auf, wenn sie zu klein geworden waren, spannte die feuchte Wolle über ein Holzbrett, damit sie wieder glatt wurde und strickte aus mehreren Resten einen größeren Pullover.

Auch die Jungs hatten lange gestrickte Strümpfe mit Strumpfhaltern an, denn lange Hosen hatten die meisten nicht, da wuchs man auch zu schnell raus. Die Schuhe wurden oben an den Zehspitzen aufgeschnitten, wenn sie zu klein waren. Was nicht passend war, wurde passend gemacht. Wenn es schneite zog man eben 3 Pullover übereinander. Ich hatte noch ein Skischuhe Gr. 36, die müssen noch vom ersten Weltkrieg gewesen sein, die wogen bestimmt 1 kg, es waren aber die einzig warmen, die ich hatte. Da zog ich nach einem langen Schlittentag die Beine hinter mir her.

Ich war früher ein dünnes kleines Würstchen. Beim Schlittenfahren, sah man viele Mädchen mit Röckchen und den selbstgestrickten langen Strümpfen, wo der Strumpf oben aufhörte, war noch ein Stück unbedecktes Bein, das war dann vor Kälte ganz rot gefroren. Ich hatte manchmal Glück und bekam von einer Nachbarin die ausgedienten Hosen der Tochter, denn sie bekam ein Carepaket aus USA, das bekamen Witwen und Familien mit richtig vielen Kindern. Erst bomben und dann Carepakete schicken.

Den ersten neuen Anorak bekam ich mit 14. Wir waren immer fröhlich und wild, wir waren es nicht anders gewöhnt. Mit 6 Jahren sprang ich schon mit den großen Kindern aus dem 2. Stock in einen Sandhaufen, wir kletterten wie Affen an den Gerüsten bis in den zweiten Stock, denn überall wurde gebaut und die Häuser gestrichen. Die Straße wurde noch gepflastert als wir ankamen. Ich erinnere mich noch daran, obwohl ich erst 2 Jahre alt war. Sprechen konnte ich früh. In dem Alter war es auch, als ich kauend nach Hause kam, meine Mutter fragte, was isst Du denn da? Ich sagte Kaugummi, sie: woher hast Du das denn? Ich: Das lag da. ——- Zuhause war es nicht so schön, deshalb war ich in jeder Wetterlage unterwegs.

Mit ca. 5 Jahren saß ich bei den Straßenarbeitern, die auf der Straße in der Mittagspause, ihre Brote aßen. Sie fragten dann, na Kleine willste auch eine Stulle. Wer hätte sich da geziert. Die anderen Kinder bekamen oft Stullen mit Zucker drauf. Als ich auch gerne eine wollte, sagte meine Mutter, nee, dann sehen die anderen, daß wir arm sind.

Beim Spielen wurden wir von den Einheimischen überall weggejagt, gerade wenn wir mit den Eisenrollschuhen rumflizten, ich war schon früh ein Schnellaufmeister, allerdings, die nackten Knie waren immer aufgeschlagen und mit gelben Eiter bedeckt. Wir waren alle hart im nehmen. Einmal schlug mir ein Nachbarsjunge mit dem Hammer ein Loch in den Kopf. Wir keilten uns so auf der Straße, auch wir Mädchen, daß ich schon mal ein ganzes Büschel Haare in den Händen hatte, auch die Jungs legten sich nicht mit mir an. Meine Devise war immer, wer anfängt, wird es bereuen.

Keine Mauer war zu hoch, denn nur hinter den Mauern waren die verwunschenen Plätze, alte Schrebergärten, wo Leute drin wohnten. Eine alte Frau sah aus wie eine Hexe, sie roch auch so geräuchert, wenn sie rauskam, stieben wir Kinder in alle Richtungen und schrien Hilfe, die Hexe kommt und hatten auch Angst.

Sehr viele Menschen wohnten in den Kellern der Häuser sonst war auch nichts mehr übrig, denn das Haus war weggebombt. Auch zu der Zeit noch als schon ich 6 Jahre alt war (1957). Dann kamen auch die italienischen Gastarbeiter. Mit meiner kleinen Freundin bestaunte ich sie. Sie hatten nur Hochbetten und einen Tisch in der ganzen Baracke. Sie stand an der Heide, wie wir es nannten. Sie winkten uns zu und fragten. ob ich ein italienisches Bambina wäre, dann holten sie ihre alten Portemonaies aus der Hosentasche und zeigten Fotos von ihren Kindern und weinten. Als ich 14 Jahre alt war, gab es das erste Mal Butter auf dem Brot, das schmeckte so wunderbar nur Butter ohne was drauf, da dachte ich mir, wenn ich groß bin esse ich nur noch Butter – und das mache ich bis heute noch. Zu der Zeit ging es langsam etwas aufwärts es gab statt schwarzen Tee sogar manchmal Kaffee. Der kam mir dann aber sehr bitter vor. Ich fuhr oft mit der Straßenbahn nach Köln Brück zu meiner Schulkameradin. Dort rannte eine Frau in schnellem Trab durch das Dorf. Als ich meine Freundin fragte, warum sie die ganze Zeit rennt, sagte diese, ach das macht die schon immer so. Als im Krieg das Haus brannte wurde sie geschickt Hilfe zu holen, seitdem rennt sie immer durchs Dorf. Sehr viele Männer fielen auf, weil sie nur ein Bein hatten und es gab auch einen jungen Mann mit ganz verbranntem Gesicht. Er war bei einem Bombenangriff als Kind in einem brennenden Keller gewesen.

Manchmal kamen auch Waisenkinder auf unseren Spielplatz, die waren immer sehr freudlos und bedrückt, sie gingen in Zweierreihen still über die Straße. Ich freundete mich mit einem Mädchen an und wir rutschen auf der Rutsche auf dem Spielplatz. Am Schluß weinte sie bitterlich, weil ihr Unterhöschen ganz schwarz war, sie durften sich nicht schmutzig machen. Ich wußte Rat, reib das doch hier an der weiß getünchte Wand im Keller. Das Höschen sah wieder weiß aus, der Tag war gerettet.

Langeweile hatten wir nie, dicke Kinder gab es überhaupt nicht. Das prägt. Noch heute wird kein Essen bei mir weggeschmissen. Mit 16 besuchte ich die Fernmeldeschule und wohnte im Postheim. Der Lohn, wenn man es so nennen darf, war so gering, daß ich jeden Tag Nudeln ohne alles essen mußte. Für auf Brot holte ich mir vom Metzger Flomen (Speck für Schmalz) den ließ ich aus und der kam jeden Tag ob Winter oder Sommer aufs Brot.

Mit 17 nahm ich mir eine Wohnung, die Miete war am Gehalt gemessen so hoch, daß es auch da wieder Hungertage gab. Wir hatten eine gnädige Seele in der Kantine bei Martin und Pagenstecher einer Schamottfabrik. Meine Arbeitskollegin und ich sprangen dann, wenn alle gegessen hatten, freudig mit Messer und Gabel gezückt (das Besteck mußte man selber mitbringen) zur Werkskantine und bekamen die Reste.

Später aß ich mich bei den Müttern meiner Freunde durch, denn die Zeiten waren immer noch nicht rosig. Ich kann mich nicht über schlechte „Schwiegermütter“ beklagen. Es steckt wohl in jeder Frau hungrige Mäuler zu stopfen. Dann kam auch schon die Hippizeit und in unserer Firma knallten echt ein paar durch.

Oben Anzug und unten Jesuslatschen, das war wohl der stille Protest und einige wenige fingen mit Drogen an. Nach ein paar Jahren war auch das vorbei und es kehrte wieder Ruhe ein.

Ich möchte die Zeit mit meinen vielen großen und kleinen Spielkameraden nicht missen und auch ein gewisser Lebenskampf stählt nur. Neid empfinde ich heute immer noch nicht. Natürlich hat man sich hier und da mal etwas gewünscht, wenn meine Mutter aber fragte, was wünscht Du Dir zu Weihnachten, sagte ich schon als Kind, ach nichts. Das Leben ist immer das, das was man daraus macht. Es gibt einen Trick, ich stelle mir einfach vor, daß ich das schon habe, was ich mir wünsche und dann verfliegt es wieder….

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Von der Familie meines Mannes kann ich berichten, daß seine Mutter eine Kriegerwitwe war. Sie erzählte mir, daß Ihr erster Mann, der wie alle, Soldat war, ihr noch vor Kriegsende ein schönes Kleid aus Südfrankreich schickte, danach hat sie ihn nie wieder gesehen. Er wird sich wohl auf den Weg nach Köln gemacht haben, und die Amerikaner haben ihn wohl absichtlich verhungern lassen, wie viele Millionen junge deutsche Soldaten auf den Rheinwiesen. Auch mein Vater war in einem Lager unter freiem Himmel in Bad Kreuznach. Nur die schwarzen amerikanischen Soldaten warfen mal eine Schokolade über den Zaun. Er sah viele junge Männer im Dreck verrecken. Weiter geht es aber mit meiner Schwiegermutter, so war sie mit 5 Kindern allein. Eine zehnjährige Tochter wurde in Mitteldeutschland, wohin die Kinder aus Köln evakuiert wurden und es sicher vor Bomben sein sollte, von amerikanischen Tieffliegern mit dem Maschinengewehr erschossen. Die Flugzeuge flogen ganz tief und konnten genau erkennen, das dort 3 kleine Mädchen über die Wiese rannten. Meine Schwiegermutter mußte im Krieg Bomben zusammensetzen, selbst mutterlos und verhungert aufgewachsen, war sie nur 147 cm groß. Die 5 Kinder mußten derweil alleine zuhause warten. Im Krieg wurde sie verschüttet und hatte daraufhin Epilepsie. Sie heiratete dann in den 50ern den Vater meines Mannes.

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Ich verstehe, daß Ihr genug Arbeit habt, deshalb wollte ich ein letztes Mal, etwas zu deutschen Familien schreiben.

Ich hab gemerkt, daß Du Dich um die Familie sorgst. In den TS kann ich nicht, da ich schon mit 33 Jahren von den Ärzten für immer krank gemacht wurde, Tetanusimpfung (soll sterilisieren – siehe Amerikaner in  Mexico) Die Besatzer haben meinen Mann und mich mit lebenden TBC Bakterien geimpft, wurde von den Schweden festgestellt.(in die Brust eingeritzt und ein infiziertes Pflaster drauf. Alle Kinder in der Straße spukten Eiter, das nennt man dann Keuchhusten.

Danke für Eure wertvolle Aufopferung und liebe Grüsse

aus Schweden, A.

zu dem Gedicht hierunter habt Ihr mich inspiriert:

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Sing für unser deutsches Land

aus dem stillen Erdenreiche

wächst erneut die Eiche

die die Seelen einst verband

Aus der stillen Erdengrunden

hebt empor sich Ahnenhand

hält die Herzen fest umwunden

in der Einigkeit fürs Land

endlich aus dem dunklen Schmerz

wacht es auf das deutsche Herz

sei die Hoffnung uns das Schwert

Heimat  ist uns höchster Wert.

jetzt ist unsre Stunde

und die Erdenrunde

schaut auf uns gebannt

knüpft mit uns das Band

Mit vereinten Taten

zum Erhalt der ganzen Welt

rufen wir die ganzen Staaten

macht das Frieden Einzug hält

Singt mit uns für Euer Land

soll die Freiheitsflamme brennen

dort wo eine Mauer stand

laßt uns alle Freunde nennen.

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Und noch ein Gedicht :

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Mein Vaterland

Ich hör Dich im Rauschen der Bäume

Der Wind erzählt mir von Dir
Du stiehlst Dich in all meine Träume,
ob ich fern bin oder grad hier

Ich hör Dich im Flüstern der Ähren

Wenn ich wein in der Nacht
Will mein Herz sich verzehren
Lange lieg ich noch wach

Nach allen nie endenden Fragen

Sitz ich lange am Strand
Hoffnung wird mein Herz tragen
Deutschland, geliebtes Land

Danke für diese ergreifenden Worte !

Wir vergessen nicht und ihr da draussen dürft es auch nie!

Euer : https://www.ddbradio.org/

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Das ist Euer Land :

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